Mit dem Nachtzug nach Paris

Dez 5, 2025 | Reisen

Als meine Schülerin und ich in einer Spanischstunde herausfanden, dass wir zur gleichen Zeit in Paris sein würden, habe ich sie gleich doppelt überrascht. Nicht nur wegen der Möglichkeit, ihren Online-Lehrer persönlich zu treffen, noch dazu tausend Kilometer von zu Hause entfernt, sondern auch wegen meiner Art der Fortbewegung. „Von dieser Pilgerfahrt musst du mir unbedingt erzählen!”, erwiderte die junge Frau, als sie erfuhr, dass ich wunderschöne 15 Stunden mit dem Zug in die Stadt der Liebe fahren würde. Heute ist es an der Zeit, diese Erfahrung auch mit euch zu teilen – wie es ist, sich im Dunkel der Nacht auf den Weg nach Frankreich zu machen, erfahrt ihr in meinem bescheidenen Artikel.

“Du bist jung, also solltest du das Beste daraus machen”

Nein, ich gehöre nicht zu denen, die fürs Streichen der Kurzstreckenflüge protestieren und den sauteuren Zugverkehr pushen. Die Idee, mit dem Zug nach Paris zu fahren, kam mir, nachdem ich am Black Friday ein Interrail-Ticket gekauft hatte, eine Fahrkarte für alle europäischen Züge für junge Leute unter 28 Jahren. Plötzlich bot sich die Möglichkeit, die meisten meiner Traummetropolen zu erobern, und da französische Museen für Menschen unter 26 Jahren gratis sind, gab es nichts zu überlegen. Paris sehen und dann kann ich beruhigt sterben, oder wie auch immer man das sagt.
Auch bei Louvre kommt man unter 26 gratis rein.
Nachdem mein Nachtzug einmal gestrichen wurde und ich die Nacht am Bahnhof in Zürich verbringen musste, ging ich die Nachtzüge nicht so begeistert an. Bei einem Preis von 21 € pro Tag und 15 € für einen Liegeplatz verdrängte ich jedoch alle Erinnerungen an die Unbequemlichkeit und begab mich mit zwei Rucksäcken und einer ordentlichen Portion Vorfreude in den Abteilwagen. Überteuerte Liegeplätze kamen nicht in Frage – eine Nacht kann ich ja auch mal etwas zusammengekauert verbringen.

Ganz schön durchdacht

Ich bin gleich zweimal nach Paris gereist (beim zweiten Mal hatte ein Mann seine Finger im Spiel😏), und somit kann ich diese Reise hinsichtlich Auslastung, Verspätungen und Gesamterlebnis vergleichen. Beginnen wir mit dem größten Vorteil, nämlich dem enormen Komfort der Verbindung. Wäre ich mit dem Flugzeug gereist, hätte ich x Kontrollen durchlaufen müssen, und das zwei Stunden vor Abflug. So reichte es, ein paar Minuten vor Abfahrt am Bahnsteig zu sein, dem Schaffner das Ticket zu zeigen, und niemand mischte sich weiter ein.
Am Bahnsteig am Wiener Hauptbahnhof.

Der Zug fuhr vom Wiener Hauptbahnhof ab, also quasi fast vor meiner Haustür, und endete in Paris am Bahnhof Gare de l’Est. Dieser Bahnhof liegt nicht nur in einer schönen, flanierbaren Umgebung, sondern ist vor allem viel näher am Zentrum als der 80 km entfernte Flughafen Beauvais, den beispielsweise Ryanair anfliegt. Der dritte Vorteil sind die relativ günstigen Abfahrts- und Ankunftszeiten. Der Nightjet 468 fuhr kurz nach 18 Uhr ab und kam kurz vor 10 Uhr an, sodass ich nicht so viele Unterrichtsstunden ausfallen lassen musste. Einmal kamen wir mit einer Stunde Verspätung an, das andere Mal sogar pünktlich, was bei einer solchen Fernverbindung wirklich beachtlich ist.

Eine der Straßen in der Umgebung von Gare de l´Est.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit…

Im Rahmen meines Interrails bin ich schon etwa 20 Mal über Nacht gereist und habe dabei schon einiges Interessantes erlebt – von kleinen Dramen im Gang bis hin zu einer Mitreisenden, die unser Abteil aus Angst vor Dieben mit ihrem eigenen Schloss verriegelte. Aber nichts, was man nicht schaffen könnte. Neben einer Schlafmaske (ich bin ziemlich empfindlich für Morgenlicht) hatte ich vor allem einen Verteiler dabei, denn für die Generation Z ist es ja undenkbar, so lange mit einem leeren Handy oder Laptop fest zu hängen. Normalerweise gibt es in einem Abteil zwei Steckdosen an den Fenstern, daher fand meine Idee bei den anderen Fahrgästen großen Anklang. Wegen meines Verteilers wurde ich sogar mit meinem Spanisch in die Enge getrieben, als ich einem mexikanischen Paar um 1 Uhr nachts erklären sollte, dass der Verteiler funktioniert, aber der Strom je nach Zuggeschwindigkeit schwankend ist.

Coole Mädels und ein lowkey Homophob

Meine sprachliche Herausforderung war nicht das einzige Erlebnis, an das ich mich von meinen Reisen nach Paris erinnere. Gleich auf meiner ersten Reise hatte ich das Glück, einen hotten Herrn mit braunem Bart und runder Brille im Abteil zu haben (meine Freunde wissen, dass er damit gleich zwei von fünf Kriterien erfüllt!). Außerdem trug er einen halbformellen Look mit karierter Hose, die seine Oberschenkel gefährlich betonten. In Salzburg stieg dann noch ein Mädchen zu, sodass es zwar zu keinem „Call Me by Your Name”-Moment kam, aber zumindest konnten wir drei uns über je zwei Sitze ausstrecken.
Aus meiner Beobachtung kann ich sagen, dass hauptsächlich Leute in ihren Zwanzigern und Dreißigern unterwegs waren und dass der Zug Anfang Februar deutlich leerer war als bei meiner zweiten Reise Mitte März. Damals war unser Abteil voll besetzt. Wir hatten sogar Glück, einen Herrn aus Graz (dessen Namen ich vergessen habe) zu treffen, der offenbar nach langer Zeit wieder einmal in die Welt hinauskam und uns unbedingt seine Freude über die von seinem Arbeitgeber bezahlte Reise mitteilen wollte. Da ich ihm gegenüber saß, bekam ich auch einen Vortrag über die „rückläufige österreichische Wirtschaft” und irgendein Stahlwerk bei Linz zu hören. An sich habe ich kein Problem mit gesprächslustigen Mitreisenden, aber dieser Herr trank ein Bier nach dem anderen und irgendwann wurde er unangenehm gegenüber einer anderen Mitreisenden aus unserem Abteil. Ihr Buzzcut und Vorstellung als El brachten ihn anscheinend aus dem Konzept,und somit brach er meine Vorstellung über Österreicher als ein weltoffenes Volk . Bis dahin dachte ich, dass nur spiesige slowakische Politiker ein Problem mit nicht-binären Menschen haben, aber ich habe mich geirrt. Glücklicherweise waren die anderen Mitreisenden vernünftig genug und wir machten dem Herrn klar, dass er sich doch bitte benehmen sollte – wir wollen den Rest unserer Reise schließlich alle friedlich überstehen.
Im März begrüßte uns bei der Abfahrt auch ein rosa Himmel.
Neben dem vom Alkohol angeheiterten Herrn lernte ich auch ein Mädchen kennen (ich bin furchtbar mit Namen), das kurz nach dem Abi war und zu einem Freiwilligenprojekt im Norden Frankreichs reiste, sowie einen Pariser, der ein Praktikum in Wien absolvierte und wegen einer Geburtstagsfeier nach Hause fuhr. Nicht, dass wir uns bei jeder Reise einer Vorstellungsrunde unterzogen hätten, aber dieses Mal brachte uns unser gesprächiger Mitreisender dazu, uns besser kennenzulernen.

Praktische Infos

  • Im Februar 2025, als ich reiste, verkehrte der Zug dreimal pro Woche aus Wien, und ich nahm die Verbindung am Donnerstagabend hin und am Montagabend zurück.
  • Im Rahmen der Black Friday-Aktion (die übrigens auch dieses Jahr bis Mitte Dezember läuft) habe ich für 315 € einen Global Pass gekauft, mit dem man innerhalb von zwei Monaten 15 Tage lang reisen kann. Der Pass muss innerhalb von elf Monaten ab Kaufdatum aktiviert werden. Dieser Preis gilt für Personen unter 28 Jahren, frühere Jahrgänge zahlen pro Ticket um 100 € mehr.
  • Es fuhr ein langer Zug nach Paris und Brüssel, der sich nachts bei Mannheim teilte und gleichzeitig mit dem Nachtzug nach Berlin gekoppelt wurde.
  • Zwischen Straßburg und Paris gab es keinen Halt, daher war hier nur das Aussteigen (Hinfahrt) und Einsteigen (Rückfahrt) erlaubt.
 

Adieu NJ 468?

Es sieht so aus, als würde mein nächtlicher Ausflug nach Paris für die nächsten Jahre zu einer buchstäblich einmaligen Erinnerung werden, da die Verbindung ab dem 14. Dezember eingestellt wird. Die französische Regierung hat die Förderungen gestrichen, und obwohl die Strecke nach Berlin durch den Eurosleeper ersetzt werden soll, bleibt Wien noch ungewiss. Der letzte Zug nach Paris fährt am Donnerstag, dem 11.12.2025, und zurück am Freitag, dem 12.12.2025.

Filip

Student, Sprachennerd, Expat

Ich helfe Lernenden und Tutoren das Beste aus ihrem Einzelunterricht rauszuholen.