Europäische Kulturhauptstadt: Wie die Deutschen es machen

Nov 27, 2025 | Reisen

Industrielles Flair, Plattenbauten wie aus TikTok, aber auch nette Menschen, die für Kunst leben – all das überraschte mich diesen Sommer in Chemnitz, der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas. In meinem Artikel aus dem Jahr 2024 habe ich euch nach Österreich mitgenommen, diesmal schauen wir uns an, wie den Deutschen die Organisation der Kulturhauptstadt gelungen ist.

Liebe auf zwei Blicken

Ich werde nicht so tun, als wäre ich allzu kulturaffin und würde jedes Jahr der Stadt hinterherrennen, die sich die Europäische Kommission gerade aussucht. Tatsächlich bin ich ganz zufällig auf Chemnitz gestoßen, als ich mit einer Freundin in Dresden in der Schlange für ein Konzert stand. Dort fiel mir ein orange-blaues Plakat für Ibug, das Internationale Festival für urbane Kunst, auf. Immer wenn mir das Wort „urban” ins Auge fällt, jubeln sowohl mein innerer Dorfbursche als auch der Architekt, der ich in einem alternativen Leben geworden wäre. Auch die farbenfrohe Grafik der Veranstaltung hat mich angesprochen, und wenige Minuten später habe ich bereits ein Busticket für den nächsten Tag gekauft. Chemnitz liegt etwa eine Autostunde von Dresden entfernt, daher wäre es schade gewesen, sich solch eine Gelegenheit entgehen zu lassen.

Einer der Räume bei Ibug.

Um ganz genau zu sein, habe ich gleich zwei Ausflüge in die europäische Kulturhauptstadt unternommen. Beim ersten Mal habe ich es nur geschafft, im Informationszentrum vorbeizuschauen und das Graffiti-Festival Ibug zu genießen, dem ich noch einen separaten Artikel widmen werde. Da mir der Vibe der Stadt jedoch sehr gut gefallen hat, beschloss ich, Chemnitz noch eine Chance zu geben und auch meinen letzten Urlaubstag in Sachsen dort zu verbringen.

Wie ein echter Tourist

Meine ersten Schritte führten zum Informationszentrum und dem Ausgangspunkt des Projekts Chemnitz 2025, das etwa 20 Gehminuten vom Bahnhof entfernt liegt. Nicht, dass ich eine Vorliebe für Mitarbeiterinnen hätte, die mir mit Begeisterung Orte auf süßen Stadtplänen markieren. Es stimmt zwar, dass ich ein paar Dinge bezüglich des öffentlichen Nahverkehrs und der lokalen Radwege klären musste, aber die Hartmannfabrik lockte mich vor allem mit ihrem großen offenen Raum und der Glaswand, die mir vorher in irgendeinem Internetblog ins Auge gesprungen waren.

Das Informationszentrum befindet sich im denkmalgeschützten Gebäude eines ehemaligen Maschinenbauunternehmens von “Lokomotivenkönig” Richard Hartmann. Nach langem Leerstand wurde das Gebäude saniert und heute befinden sich hier neben dem Besucherzentrum auch Büros und eine Eventfläche, wo die reiche industrielle Vergangenheit Inspiration für eine visionäre Zukunft ist.

Erfahrene Reisende sagen, dass es beim Reisen vor allem um die Menschen geht, und langsam und langsam leuchtet es mir mehr und mehr ein. Zwar spreche ich keine Menschen auf der Straße an und meine Begleitung für spontane Abenteuer finde ich höchstens auf Tinder😉 – aber selbst mit so introvertiert klingenden Hobbys wie Kunst und Architektur kann man Menschen näherkommen. Als ich zum Beispiel herausfinden wollte, wo sich in der Stadt Plattenbauten mit einer kahlen, ungedämmten Fassade befinden (wie sie auch auf der Broschüre zu sehen waren), rief die Dame hinter der Theke einen Kollegen, den Fotografen und Autor der Fotos in den Werbematerialien, zur Hilfe. Ebenso war das Gemeinschaftsgefühl im Depot des Projekts „3000 Garagen” zu spüren, wo mich ein älterer Herr in einem Freiwilligen-T-Shirt ansprach.

„Sie habe ich doch gestern schon gesehen!” sagte er zu mir und bestätigte damit meine Vermutung, dass ich ihn am Vortag am anderen Standort in der Hartmannfabrik gesehen hatte. Im Laufe unseres Gesprächs erfuhr ich, dass er bereits Rentner ist und sich entschlossen hat, seine Zeit dem Projekt Chemnitz 2025 zu widmen, da er die Ausrichtung der Kulturhauptstadt Europas als eine einzigartige Wachstumschance für seine Stadt sieht. 

Plattenbauten, die ich suchte vs. die, die ich tatsächlich besuchte. Foto: Peter Rossner, Illustraion: Anja Jurleit

Ähnlich ging es einer Dame, die sich mit einem Hotdog an meinen Tisch auf dem Ibug Festival gesetzt hatte. Auf meine Frage, ob sie die Ausrichtung der Kulturhauptstadt positiv sehe, antwortete sie mit einem klaren Ja und verwies auf die Interventionsflächen – Orte wie Parks, öffentliche Plätze und Sportanlagen, die ein urbanistisches Upgrade bekamen und der Stadt auch nach Abschluss des Projekts dienen werden. Als Beispiel können wir den Park auf dem ehemaligen Bahngelände nennen, der sich in einen Veranstaltungsort für Stadtfeste und Weihnachtsmärkte verwandelt.

Die Ausstellung #3000Garagen

Nach einem kurzen Blick in den Veranstaltungskalender blieb ich beim Projekt „3000 Garagen” hängen, das in der Rubrik „Osteuropäische Mentalität” aufgeführt war.

“Chemnitz ist eine osteuropäische Stadt in einem westeuropäischen Land. Dabei ist „der Osten“ nicht nur Geografie, er ist auch Biografie – und hat neben Politik, Kultur und Umwelt vor allem die Selbstwahrnehmung der Menschen hier geprägt. Daraus resultiert eine pragmatische Machermentalität,” stand auf der Website, was mir, einem Kind aus dem ehemaligen Ostblock, sehr imponiert hat.

Auf dem Gebiet der Stadt gibt es etwa 30.000 Garagen, und wie auch auf der Website von Chemnitz 2025 zu lesen ist, prägt dieses Erbe aus DDR-Zeiten bis heute das Bild vieler osteuropäischer Städte (ich kann bestätigen, dass es sogar in meiner kleinen slowakischen Heimatstadt mehrere Stadtteile mit Garagen gibt). In vielen werden Autos geparkt oder vergessene Familienschätze aufbewahrt, in anderen wird geschraubt und gebastelt, gegrillt und mit den Nachbarn geplaudert.

Dieses Phänomen thematisierte auch die rumänische Fotografin Marie Sturm in ihrem Projekt “Mitgliederversammlung”. Während mehrerer Arbeitsaufenthalte im Jahr 2024 porträtierte sie 164 Besitzer von Chemnitzer Garagen, die sie symbolisch in einer virtuellen „Mitgliederversammlung” zusammenbrachte.

Ihre Ausstellung überzeugte mich nicht nur mit den entspannten Menschen in Jogginghosen, die sie mit ihren Liebsten bei ihren Wochenendausflügen fotografierte. Auch nicht mit den heißen Typen auf Motorrädern oder in Arbeitskleidung, die es zu meiner Freude ebenfalls in die Fotoserie geschafft haben. Die Kombination aus Ausstellungsort (ein Depot aus Ziegeln mit Hipster-Möbeln aus Paletten), Gesamtkonzept und freundlichem Personal sowie Besuchern taten mir einfach gut. Schade nur, dass der Ausstellungsort ziemlich abgelegen war, weshalb ich nicht die 3000 Garagen und das Graffiti-Festival an einem Tag schaffen konnte.

Das Fahrrad wie vom alten Schulhausmeister

Da ich am nächsten Tag nicht vorhatte, eine Stunde zum Depot zu laufen oder weitere 6,40 € für zwei Straßenbahnfahrten auszugeben, entschied ich mich für eine andere, sportlichere Variante. Nach meinen positiven Erfahrungen mit Leihrädern in Städten wie Mannheim, Karlsruhe, Innsbruck oder Klagenfurt sagte ich mir, dass es unmöglich wäre, wenn dieses Vorzeigeobjekt der Europäischen Union keine Möglichkeit für umweltfreundlichen Transport bieten würde. Und obwohl meine Wiener App NextBike eine „nicht bediente Zone” anzeigte, ließ ich mich nicht entmutigen und nach einer kurzen Google-Suche stand ich bereits vor einem Laden, dass mich viel zu sehr an das sozialistische “Dom služieb” (Haus der Dienstleistungen) aus meiner Heimatstadt erinnerte.

Auf dem Weg zur Austellung haben mich Google Maps auch durch solche ruhige Straßen geführt.

Der Verleih stach aus der Reihe chinesischer Geschäfte überhaupt nicht hervor, im Gegenteil, das verblasste Schaufenster passte ganz gut zu ihrer Homepage, die irgendwo im Jahr 2010 eingeschlafen war. Der Mann hinter dem Tisch sagte mir trocken, dass ich einen Tag im Voraus per SMS reservieren hätte müssen, aber da ich nun einmal da sei, würde er schon ein Fahrrad für mich finden. Kein Scannen von QR-Codes, keine Rückgabestationen in der Stadt, nur ein Schloss und ein Schlüssel, den ich am Ende des Tages in einen Briefkasten im Hinterhof werfen sollte.

„Hier verschwinden Fahrräder schneller, als man gucken kann, wenn sie nicht abgeschlossen sind!“ sagte der Mann und klopfte auf das Schloss, das höchstens 1,5 cm dick sein konnte. Ich war etwas überrascht, dass er mit mir nach draußen kam und mir sagte, ich solle eine Runde fahren und das Fahrrad ausprobieren. Das lag aber nicht daran, dass ich wie ein unzuverlässiger Kunde aussehen würde – ausgerechnet dieses Stück hatte eine Reifenpanne.

Das Fahrrad wurde ausgetauscht, mein Ausweis gescannt, ich zahlte 5 € (2 € für die Öffis gespart!) und schon konnte es losgehen. Diese ganze customer experience erinnerte mich an unseren alten Hausmeister in der Grundschule, zu dem wir wegen der Reparatur kaputter Stühle gingen. Aber vielen Dank auch dafür, zumindest musste ich zu den 3000 Garagen nicht latschen.

Majolikahaus.

Auf zwei Rädern durch die Stadt

Ich erkunde Städte gerne vom Fahrradsattel aus, denn so fühle ich mich zumindest ein bisschen wie ein Einheimischer und kann mehr Straßen, Parks und Sportplätze sehen, als ich es zu Fuß könnte. Die Strecke zum Garagen Campus verlief größtenteils auf Radwegen, und die Straßen, die keine hatten, waren nicht so stark befahren. Die Dame im Informationszentrum zögerte zwar ein wenig, als ich sie nach schönen Vierteln fragte, in denen ich radeln könnte, aber nach einer Weile hatte ich bereits drei Routen auf meiner Karte markiert. Ebenfalls bekam ich auch den Segen für das Viertel Kaßberg, wo ich wegen des Majolikahauses von Reinhold Siebert hinfahren wollte. Mit dem Hinweis, dass es dort etwas hügelig sei.

„Aber was soll’s, das schaffe ich schon!“ dachte ich mir und kurz darauf fluchte ich schon, dass ich nicht auf sie gehört hatte. Dann hätte ich mein Fahrrad nicht den Berg hinaufschieben müssen, denn für diese Anstrengung war das Majolikahaus meiner Meinung nach nicht wirklich die Mühe wert.

Auf dem Weg zum Garagen Campus kommt man auch am imposanten Gebäude des Industriemuseums vorbei. Da es Montag war, waren das Museum und alle Galerien in der Stadt leider geschlossen. Wer die europäische Hauptstadt auch wegen der hohen Kultur (sprich schicke Bilder in schönen Rahmen) besuchen möchte, kommt von Dienstag bis Sonntag in den örtlichen Kunstsammlungen voll auf seine Kosten.

Aber selbst an diesem ruhigen Montag gab es in Chemnitz mehr als genug Attraktionen, ich wollte mir zum Beispiel die Stadthalle mit ihrer charakteristischen Fassade nicht entgehen lassen. Dieses Gebäude im Zentrum hatte ich wohl in jedem Blog und Werbematerial der europäischen Kulturhauptstadt gesehen. Als ich mein Fahrrad abschloss und die Gebäude aus allen möglichen Blickwinkeln genauer untersuchen wollte, musste ich mich alle 2 Minuten umdrehen – so sehr erschreckte mich der Schulhausmeister aus dem Retro-Verleih. Nicht mal die Polizeistreife, die direkt vor dem Gebäude stand, konnte mich beruhigen, und so musste ich meine kleine Paranoia anders besänftigen. Nämlich mit einem Schokoladenkuchen aus der örtlichen Bäckerei, den ich auf der Bank gleich neben dem Fahrradständer mit Blick auf dieses Wahrzeichen von Chemnitz verzehrte.

Ein sozialistisches Denkmal aus dem Nichts

Wenn man nachschaut, was man in Chemnitz unternehmen kann, findet man unter den bekanntesten Sehenswürdigkeiten auch eine Statue von Karl Marx. Ursprünglich interessierte mich dieser riesige Kopf überhaupt nicht, aber als ich ihn vom Fahrrad aus sah, zwang er mich, anzuhalten und ihn mindestens drei Minuten lang auf mich wirken zu lassen. Ich hätte diesen Koloss zwischen den Wohnblocks eher in viel weiter östlich gelegenen postkommunistischen Ländern erwartet, aber schön – eine weitere Gemeinsamkeit mit der Slowakei, mit der Chemnitz mich für sich gewonnen hat.

Menschen, Graffiti, Liebe an alle

Noch vor meinem Ausflug nach Chemnitz stieß ich auf einen Artikel mit dem Titel „5 Dinge, die Sie in dieser Stadt besser nicht tun sollten“. An erster Stelle stand die Anreise mit dem IC – der Autor machte sich über die Einheimischen lustig, da hier keine Fernzüge halten. Auch auf der Ankunftstafel am Bahnhof findet man nur Regionalzüge, kein Wunder also, dass der Bahnhof alles andere als belebt war. Ich ging in einen Zeitungsladen hinein und fragte die Dame an der Kassa, ob es hier immer so ruhig sei. Es sei schwierig zu sagen, dachte sie, aber vielleicht sei es gerade wegen des Schulbeginns ruhiger – die Eltern brachten wohl gerade ihre Kinder von der Schule zu den AGs.

Auch der Ehemann der Frau mit dem Hotdog auf dem Graffiti-Festival gab zu, dass hier normalerweise nicht viel los ist. Jetzt aber schon, und nannte mir gleich fünf Veranstaltungen des Kulturprogrammes, die ihn besonders begeistert haben. „Wissen Sie, auch wenn es nicht so scheinen mag, Chemnitz lernt man lieben“, lautete sein schüchterner, lokalpatriotischer Kommentar zur Stadt. Und ich werde ihm sicherlich nicht widersprechen.

Wenn ihr einen spontanen Ausflug in die europäische Kulturhauptstadt machen möchtet, die Veranstaltungen laufen noch bis zum 29.11.2025.

Filip

Student, Sprachennerd, Expat

Ich helfe Lernenden und Tutoren das Beste aus ihrem Einzelunterricht rauszuholen.